Avrahaum Segol sah das Satellitenbild zum ersten Mal, als ein Freund
in der Tageszeitung blätterte, ihn anstieß, lachend auf das Foto zeigte
und fragte: "Wer, um alles in der Welt, baut denn so was?" Der Freund
fand das Foto kurios, Segol nicht.
KRUDE SYMBOLIK:
HAKENKREUZ BEIM US-MILITÄR
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Zu sehen war die Luftaufnahme einer Navy-Basis in San Diego,
Kalifornien. Vor kurzem noch wären solche Bilder unmöglich gewesen,
Militäranlagen dürfen nicht überflogen und fotografiert werden. Aber
jetzt gibt es Google Earth, eine Weltkarte im Internet, gefüttert mit
Abertausenden Satellitenbildern. Und eines davon zeigt die
Navy-Unterkunft NAB 320-325: vier L-förmige Häuser, aus dem All
betrachtet bildeten sie ein Hakenkreuz.
Ein offizielles US-Gebäude, das sich zum Symbol von Nazi-Deutschland
fügt - das konnte kein Zufall sein. Die Frage, wer so etwas baut und
vor allem warum, begann Segol zu interessieren. Segol, Amerikaner mit
Wohnsitz in Israel, hatte nun eine Aufgabe. Wenn es eine Erklärung gab
für das amerikanische Hakenkreuz, einen geheimen Sinn: Er würde es
herausfinden.
Drüben in San Diego lösten die Google-Earth-Bilder nur einen
flüchtigen Skandal aus. Die jüdische Zeitung schrieb über das
Hakenkreuz, Bürgerrechtler aus der Antidiskriminierungsliga wurden
aktiv, ein Radiomoderator und eine Kongressabgeordnete verlangten eine
Erklärung von der Navy.
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Die Gebäude, so sagte ein Navy-Sprecher, seien einfach ungeschickt
geplant - wie sie von oben aussehen, wäre erst nach der
Grundsteinlegung 1969 aufgefallen. Es gebe keinen Anlass, die Anlage
umzubauen. Für die Navy schien die Sache damit erledigt.
Allerdings nicht für Avrahaum Segol in Jerusalem. Er verbrachte die
folgenden Monate damit, Beweise dafür zu sammeln, dass die Navy nicht
die ganze Wahrheit gesagt hatte.
Segol trieb alte Zeitungsartikel auf und stellte Bauzeichnungen ins
Internet. Er gab Interviews, das Thema blieb in den Medien, mit Segol
als Kronzeugen. Er glaubte inzwischen, einer Verschwörung auf der Spur
zu sein, einem staatlich gedeckten Antisemitismus.
Im September 2007 gab die Navy genervt nach. In den Haushalt 2008
wurden 600.000 Dollar für die Umgestaltung von NAB 320-325 eingestellt.
Damit hätte es gut sein können. Doch in der Zwischenzeit waren bei
Google Earth weitere Hakenkreuz-Bauten aufgetaucht: ein Wohnhaus in
München, ein Uni-Gebäude bei Delhi, ein - mittlerweile umgebauter -
Brunnen in Belgien und im März 2008 schließlich das
Wesley-Acres-Seniorenheim in Decatur, Alabama. Eine Heimstatt für
Menschen in Altersarmut, getragen von der Methodistischen Kirche und
co-finanziert durch das amerikanische Wohnungsprogramm.
Im weitesten Sinne also ein staatliches Gebäude. Segol erkannte
plötzlich, welchen Zusammenhang es gab zwischen San Diego und Decatur.
Er war etwas ganz Großem auf der Spur, jedenfalls glaubte er das. Er
hatte eine Mission, und die nahm er ernst.
Es ist nicht einfach, ein Gespräch mit Segol zu führen. Er redet
gern in Frageform, er möchte, dass man selbst auf die Antwort kommt.
"Die Navy-Basis wurde 1969 gebaut, damals gab es dort ein Flugverbot.
Wer also waren die einzigen Menschen, die das Hakenkreuz aus der Luft
sehen konnten?"
Astronauten?
"Richtig. Erster Flug zum Mond 1969. Und wer hat die Mondrakete gebaut?"
Wernher von Braun.
"Genau", sagt er, "Wernher von Braun und die deutschen
Nazi-Ingenieure." Also die Leute, die nach 1945 für das Raketenprogramm
der Amerikaner forschten. Das Hakenkreuz von San Diego, meint Segol,
ist ein Tribut der Nasa an die Deutschen.
Aus der "Frankfurter Allgemeinen"
Das klingt erst einmal überraschend, und bevor man einwenden
kann, dass die deutschen Ingenieure ja nie mitgeflogen sind, das tolle
Bauwerk also gar nicht sehen konnten, hat Segol zum finalen Schlag
ausgeholt: Der Ort, an dem die Deutschen damals arbeiteten, Huntsville,
Alabama, liegt nur 40 Kilometer vom Hakenkreuz-Altenheim entfernt. Das
wurde 1980 fertiggestellt, also etwa zu der Zeit, als die Ingenieure in
Rente gingen. "Und wie viele Jahre", fragt Segol, Triumph in der
Stimme, "liegen zwischen 1969 und 1980?"
Elf?
"Und was fällt Ihnen da auf?"
Nichts eigentlich.
"Elf Jahre, Apollo 11, die erste Mondlandung." Zweimal die Elf,
damit war für Segol klar: Die beiden Hakenkreuze gehören zusammen -
Teil einer äußerst raffinierten Verbeugung vor der Ingenieurskunst der
Nazis.
Der Anwalt des Altenheims bezeichnet Segols Wahrheiten als
lächerlich. Tatsächlich habe die Unterkunft ganz anders gebaut werden
sollen, aber weil das Geld knapp gewesen sei, habe man sich eine
raumsparende Variante entschieden.
Segol ist ein Besessener, ganz offenkundig, aber die Besessenheit,
mit der er in seinem Universum nach Zusammenhängen sucht, hat etwas
bewirkt - und zwar in der realen Welt: Nicht nur die Navy-Basis in San
Diego wird umgestaltet, auch das Altenheim in Alabama soll nun
aufgehübscht werden.
Wie genau der Umbau aussieht, ist noch nicht klar, wahrscheinlich werden die Häuser mit Balkonen verbreitert.